„Was jemand willentlich verbergen will, sei es nur vor anderen, sei es vor sich selber, auch was er unbewusst in sich trägt: die Sprache bringt es an den Tag.“
Diese Worte stammen von dem jüdischen Romanistikprofessor Victor Klemperer, dessen Beobachtungen zu Alltag und Sprache in der Zeit des NS-Regimes auf einzigartig tiefschürfende Weise durch seine Tagebücher überliefert wurden. Er selbst nannte sein aus einzelnen Blättern bestehendes Tagebuch eine „Balancierstange“, weil er es als seine Aufgabe sah, Zeugnis über den Terror im Alltag abzulegen und sich somit selbst einen Lebenssinn in aller ihn umgebenden Verzweiflung schuf. Dank seiner mutigen Frau Eva und der befreundeten Ärztin Anne-Marie Köhler, die seine Aufzeichnungen regelmäßig nach Pirna brachten und dort versteckt hielten, stehen uns noch in der heutigen Zeit Klemperers bedeutende Tagebücher zur Verfügung.
Am 12.03.2025 durften die Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufe 11 eine von der TU Dresden organisierte Veranstaltung besuchen, die sich jenem Abschnitt deutscher Geschichte widmete. Der Historiker Dr. Hagen Schönrich führte mit einem Vortrag über die Wissenschaft im Nationalsozialismus, in welchem er bereits Bezüge zu Klemperers Aufzeichnungen herstellte, in die Thematik ein. Hier knüpfte der Dresdner Schriftsteller Renatus Deckert im zweiten Teil der Veranstaltung an. Die Zahlen der historischen Forschung seien zunächst etwas Abstraktes, meinte er, „sie werden erst lebendig durch die Schicksale Einzelner“. Ein solches Schicksal führte er mit einer eindrucksvollen Lesung aus Klemperers Tagebüchern vor Augen, die er aufklärend einordnete und stets verdeutlichte, dass Ausgrenzung schon mit der Sprache beginne.
Anschließend nahm er sich Zeit, um Fragen des Publikums zu Klemperers Leben und seinen Aufzeichnungen sowie zu Deckerts persönlichem Interesse an der Thematik zu beantworten.
„Jedes Tagebuch bildet seine Zeit ab und jedes Tagebuch bildet das Vergehen von Zeit ab“, sagte Deckert und hielt die Erinnerung an einen Menschen aufrecht, der tagtäglich gegen das Vergessen angeschrieben hatte.
Antonia Scholz & Marie Dressler